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Markt · Mai 2026

Der DACH-Zirkus-Markt 2026: Roncalli, Krone, Knie und die GOP-Varieté-Welle

Von der Münchner Marsfeld-Spielstätte 1919 bis zur Bonner GOP-Eröffnung 2009: Wer den DACH-Zirkus- und Varieté-Markt heute trägt, in welchen Größen-Klassen er denkt und welche feste-Bauten-Architektur die Branche stabilisiert.

Wer im Frühjahr 2026 versucht, den DACH-Zirkus- und Varieté-Markt nüchtern zu kartografieren, blickt auf eine Branchen-Architektur, die in den letzten fünfzig Jahren von vier strukturellen Trends geformt worden ist: die Wiederbelebung der ästhetisch hochwertigen Tournee durch Roncalli ab 1976, die Verdichtung eines kleinen Kreises großer Reise-Häuser mit fester Winter-Spielstätte, die Stabilisierung des Schweizer National-Circus Knie als familien-gehaltenes Unternehmen in der achten Generation, und schließlich die GOP-Varieté-Welle der 1990er und 2000er Jahre, die ein neues Format fest-installierter Spielstätten in mittel-großen DACH-Städten etabliert hat.

Roncalli und die ästhetische Wiederbelebung

Der Circus Roncalli ist im DACH-Markt der Referenz-Punkt für die ästhetische Schule der Wieder-Verzauberung. 1976 gründete der österreichische Plakat-Künstler und Theater-Macher Bernhard Paul gemeinsam mit dem Schweizer Andre Heller das Projekt; nach der frühen Trennung der beiden hat Paul das Unternehmen über fünfzig Jahre geprägt. Roncalli besteht heute aus einem Tournee-Ensemble mit rund 200 Truppen-Mitgliedern, einem Großzelt mit etwa 2.500 Sitzplätzen und einem Spiel-Plan von etwa 80 Spielorten im Jahr. Die Tournee-Saison beginnt im Frühjahr und endet im späten Herbst; im Winter ruht das Tournee-Geschäft, doch die Roncalli-Schule unterhält eine eigene Trainings-Werkstatt für die Vorbereitung der Folgesaison.

Die ästhetische Eigenart Roncallis liegt in der Wieder-Belebung der nostalgischen Manegen-Tradition: opulente Kostüme, klassische Live-Musik, die Manegen-Architektur des späten 19. Jahrhunderts als Inszenierungs-Bezug. Seit 2018 arbeitet das Haus vollständig tier-los; die früheren Pferde- und Klein-Tier-Nummern wurden durch holografische Tier-Projektionen ersetzt — ein Verfahren, das in der DACH-Branche heftig diskutiert worden ist und das einige Konkurrenten übernommen haben. Die wirtschaftliche Stabilität des Hauses ist im DACH-Markt überdurchschnittlich; Roncalli erreicht in den großen Spielorten — Köln, Hamburg, München, Wien, Zürich — regelmäßig Auslastungs-Werte zwischen 80 und 95 Prozent.

Circus Krone und die Münchner Doppel-Architektur

Der Circus Krone in München ist mit einer anderen Struktur unterwegs. Gegründet 1905 in Pommerschen Putzig durch den Schau-Steller Carl Krone, hat das Unternehmen 1919 in München an der heutigen Zirkus-Krone-Straße einen festen Hallen-Bau errichtet und damit als erstes deutsches Zirkus-Haus die Doppel-Architektur aus fester Winter-Spielstätte und Tournee-Saison etabliert. Der Krone-Bau am Marsplatz fasst rund 3.000 Sitzplätze, hat eine klassische 13-Meter-Manege und wird in der Winter-Saison zwischen Dezember und April mit einem festen Programm bespielt; im Sommer von April bis November tourt das Unternehmen mit Zelt durch deutsche Städte.

Diese Doppel-Architektur ist im DACH-Markt singulär. Kein anderes deutsches Zirkus-Haus verfügt über eine eigene feste Spielstätte vergleichbarer Größe; die Krone-Halle ist mit Abstand der größte stehende Zirkus-Bau Mittel-Europas. Sie ermöglicht dem Unternehmen eine Saison-Stabilität, die der reinen Tournee-Form nicht zugänglich ist: Während des Winters lassen sich aufwendige Inszenierungen mit festen Bühnen-Bildern realisieren, während die Sommer-Tournee das nationale Reich-Weite-Format bedient. Krone unterhält traditionell auch eine eigene Tier-Halle, in der Großkatzen, Pferde und früher auch Elefanten untergebracht waren — der Tier-Bestand ist über die letzten zwanzig Jahre stark reduziert worden, ohne dass das Haus die tier-lose Wende Roncallis vollständig mitgegangen wäre.

Knie und die schweizerische National-Tradition

Der schweizerische National-Circus Knie ist der älteste durchgängig aktive Zirkus im DACH-Raum. Gegründet 1803 als reisende Seil-Tänzer-Familie in Erfurt, hat die Familie Knie sich über das 19. Jahrhundert in die Schweiz verlagert und ab 1919 — etwa zeitgleich mit der Münchner Krone-Halle, aber in völlig anderer Form — den modernen schweizerischen National-Zirkus etabliert. Der Stamm-Sitz liegt in Rapperswil am Zürichsee, wo das Unternehmen einen Winter-Quartier-Bau, einen Knies Kinderzoo und ein Familien-Museum unterhält.

Knie tourt heute durch etwa 60 Spielorte in der Schweiz pro Jahr. Die Familie Knie ist in der achten Generation in der Direktion; mit Géraldine, Maycol und Ivan Frédéric Knie führt eine der jüngsten Direktions-Generationen das Unternehmen. Das Programm folgt der schweizerischen Tradition mit Pferde-Dressur, klassischer Voltige, internationaler Spitzen-Artistik und einer im DACH-Vergleich klassisch gebliebenen Manegen-Ästhetik. Großkatzen und Elefanten wurden Anfang der 2000er Jahre aus dem Tournee-Programm genommen, Pferde-, Pony- und Klein-Tier-Nummern blieben. Die schweizerische Bundes-Rechts-Lage ohne pauschales Wildtier-Verbot hat dem Unternehmen erlaubt, einen eigenen Modernisierungs-Pfad zu gehen, der weder die klassische Tradition vollständig aufgibt noch in der kommunalen Verbots-Welle Deutschlands aufgeht.

FlicFlac und das Action-Comedy-Format

Eine eigene Spielart hat sich seit 1989 mit dem Circus FlicFlac etabliert, gegründet von Pierre Dornberger in Bochum. FlicFlac arbeitet mit einem Action-Comedy-Format, das Artistik mit Pyrotechnik, Motorrad-Nummern, Stunt-Choreografie und einem deutlich härteren musikalischen Code verbindet. Die Tournee-Saison liegt klassisch im Spät-Herbst und Winter, mit der traditionellen Weihnachts-Tournee als Marken-Kern. Das Zelt fasst rund 1.500 Sitzplätze, das Programm orientiert sich an einem jüngeren, urbaneren Publikum als das klassische Roncalli- oder Knie-Publikum. FlicFlac hat damit eine Markt-Nische besetzt, die in der DACH-Zirkus-Welt vor 1989 nicht existierte, und ist heute neben Roncalli das einzige tournierende Format mit konsistent hohen Auslastungs-Werten in den großen Spielorten.

Die GOP-Varieté-Welle

Strukturell die einflussreichste Entwicklung der letzten 30 Jahre ist nicht ein neuer Zirkus, sondern eine Welle fest-installierter Varieté-Spielstätten. Die GOP Entertainment Group, gegründet 1992 in Hannover, betreibt heute ein Netz von mittel-großen Theater-Häusern, in denen Artistik, Magie, Comedy und Musik in einem 90- bis 100-minütigen Format gezeigt werden. Das ursprüngliche Haus an der Georgstraße in Hannover wurde 1992 eröffnet, gefolgt vom Essener GOP an der Rottstraße 1998, vom GOP Bad Oeynhausen 2003, dem Münchner Haus 2003, dem Bonner GOP im Bonner Loch 2009 und weiteren Häusern in Bremen, Münster und Hamburg.

Die GOP-Häuser fassen typischerweise zwischen 350 und 500 Sitzplätze, spielen pro Jahr in der Regel sechs bis acht unterschiedliche Produktionen mit jeweils drei- bis vier-monatigen Spielblöcken, und arbeiten mit international rekrutierten Ensembles aus etwa zehn bis fünfzehn Artist:innen pro Show. Das Format hat in mittel-großen DACH-Städten einen Markt erschlossen, der für klassische Tournee-Zirkusse zu schwierig zugänglich war: Es verbindet die Bequemlichkeit des fest-installierten Stadt-Theaters mit der ästhetischen Sparte der zirkus-affinen Spektakel.

Friedrichsbau, Wintergarten und die Varieté-Tradition

Neben der GOP-Welle gibt es eine ältere Tradition fest-installierter Varietés, die ihre Wurzeln im späten 19. Jahrhundert hat. Der Friedrichsbau in Stuttgart ist seit 1908 in der Stadt verankert und gilt heute als ältester durchgängig aktiver Varieté-Standort im DACH-Raum. Nach Kriegs-Pausen und Sanierungen arbeitet das Haus heute mit etwa 470 Sitzplätzen und einem Programm, das im Wechsel-Rhythmus von etwa zwei Monaten neu bespielt wird. Das Wintergarten Berlin ist eine Wieder-Belebung der Berliner Varieté-Tradition der 1880er Jahre; das ursprüngliche Wintergarten-Theater am Bahnhof Friedrichstraße wurde 1944 im Bomben-Krieg zerstört, das heutige Haus an der Potsdamer Straße 1992 als Neu-Gründung eröffnet. Es fasst rund 580 Sitzplätze.

Das Tigerpalast Frankfurt, eröffnet 1989, gehört in dieselbe Familie der zeitgenössisch wieder-belebten Varieté-Spielstätten und ist im Rhein-Main-Raum die zentrale fest-installierte Bühne der Sparte. Das Chamäleon Theater Berlin in den Hackeschen Höfen, seit 2004 in der heutigen Form, hat eine experimentell-zeitgenössische Variante des Formats etabliert, mit Bezug zum neuen Zirkus und einer reduzierten Manegen-Fläche von etwa acht Metern. In Wien hat sich das Spiegelpalast-Format der 2010er Jahre etabliert, in Zürich arbeiten verschiedene Varieté-Spielstätten in unter-jahres-zeitlichen Saisons.

Die mittlere und kleine Familienzirkus-Klasse

Unterhalb der großen Marken existiert im DACH-Raum eine breite Schicht mittlerer und kleiner Familienzirkusse mit Tournee-Programm. Der Verband Deutscher Circusunternehmen weist für 2026 noch etwa 70 organisierte Tournee-Betriebe aus; hinzu kommen geschätzte 30 bis 50 nicht im Verband registrierte Klein-Zirkusse, die sub-regional unterwegs sind. Die Größen-Klasse reicht von Klein-Familienzirkussen mit 200 bis 600 Sitzplätzen bis zu mittel-großen Häusern mit 1.000 bis 1.500 Sitzplätzen.

Diese Schicht ist vom Wildtier-Verbots-Druck am stärksten betroffen: Die kommunalen Stell-Platz-Sperren der großen Städte schließen mittlere Familienzirkusse aus den reichweiten-starken Märkten aus, gleichzeitig fehlen den Klein-Häusern die Mittel für die ästhetische Wende ins tier-lose Format Roncallis. Die Konsolidierung dieser Schicht beschleunigt sich seit der frühen 2020er Jahre; nach Erhebungen des Verbands ist die Anzahl der organisierten Tournee-Betriebe seit 2015 um etwa 25 Prozent zurückgegangen.

Festival-Landschaft und Sub-Branchen

Eine eigene Sub-Branchen-Architektur hat sich in den letzten zwanzig Jahren mit der Festival-Landschaft des neuen Zirkus etabliert. Das Wiener Cirque Noël, das Berliner Festival Atoll der Sparte, das Zürcher Theaterspektakel mit zirkus-affiner Programmlinie, das CRASH-Festival in Hamburg und das Köln-Mülheimer Sommer-Festival sind Knoten-Punkte einer szene-affinen Diskussion, die mit der klassischen Zirkus-Tradition oft nur lockere Verbindungen pflegt. Hier zirkulieren französische, kanadische, finnische und britische Compagnien des Cirque-Nouveau, deren Ästhetik mit der DACH-Tournee-Klassik nur in der Sparten-Bezeichnung überlappt.

Die zeitgenössischen Cirque-Nouveau-Compagnien — Cirque Plume aus Frankreich, Compagnie XY, Les 7 Doigts de la Main aus Montréal, Circa aus Australien — tourten in den letzten Jahren regelmäßig durch DACH-Festivals, und einige dieser Gruppen haben mit dem Berliner Chamäleon Theater und der GOP-Welle inhaltliche Brücken geschlagen. Damit entsteht zwischen der klassischen Zirkus-Tradition und der zeitgenössischen Cirque-Nouveau-Sparte ein Übergangs-Feld, das den DACH-Markt 2026 weiter ausdifferenziert.

Zahlen, Klassen, Bilanz

Wer 2026 den DACH-Zirkus- und Varieté-Markt in Größen-Klassen sortiert, kommt auf eine fünf-stufige Struktur. An der Spitze stehen die drei großen Marken Roncalli, Krone und Knie mit jeweils mehreren tausend Sitzplätzen, hunderten Truppen-Mitgliedern und nationalen Tournee-Routen. Darunter eine zweite Schicht mit FlicFlac und mittel-großen Tournee-Häusern um die 1.500 Sitzplätze. Daneben die fest-installierte Varieté-Welle mit den GOP-Häusern, dem Friedrichsbau, dem Wintergarten und dem Tigerpalast. Darunter die breite Schicht der mittleren Familienzirkusse mit 600 bis 1.500 Sitzplätzen. Und schließlich die Klein-Familienzirkusse mit 200 bis 600 Sitzplätzen, die sub-regional und in ländlichen Räumen unterwegs sind.

Die Branche steht 2026 in einer doppelten Übergangs-Phase. Der klassische Tournee-Zirkus konsolidiert sich, die GOP-Varieté-Welle wächst weiter, die zeitgenössische Cirque-Nouveau-Sparte gewinnt institutionelle Sichtbarkeit. Wer in den nächsten zehn Jahren die DACH-Manegen-Landschaft kartografieren wird, blickt vermutlich auf eine konzentriertere Branche mit weniger, aber besser ausgestatteten Häusern — und auf ein expandierendes Varieté-Format, das die ursprüngliche Reise-Logik der Sparte zunehmend durch die fest-installierte Stadt-Spielstätte ergänzt. Die kulturelle Form bleibt, ihre wirtschaftliche Trägerschaft wird neu sortiert.


Ressort: Markt